Mobilität in China

Was Sie über den Straßenverkehr wissen sollten

Chengdu ist die Hauptstadt der Provinz Sichuan und wirkt immer wieder beeindruckend auf mich. Eine Metropole mit rund 14 Millionen Menschen, die trotz ihrer Größe und Einwohnerzahl für asiatische Verhältnisse durchweg strukturiert und gemächlich anmutet. Gegenüber den Metropolen wie etwa Phnom Penh oder Bangkok entwickeln die Verkehrsregeln, wenn man sie denn erst einmal verinnerlicht hat, eine regulierende Wirkung. Nichtsdestotrotz sieht Mobilität hier ungleich anders aus als in Deutschland.

Die wichtigste Regel für einen Aufenthalt, ohne Verkehrsunfall, in Chengdu ist, dass motorisierte Fahrzeuge mit einer generellen Vorfahrt ausgestattet sind. Hierbei gilt die Regel, umso größer das Fahrzeug umso stärker das Recht die Vorfahrt für sich in Anspruch nehmen zu können. Unübersehbar sind die Busse der ÖPNV. Gefolgt von den PKWs, denen Sie besser ausweichen bzw. denen sie die Vorfahrt gewähren.

Selbst wenn eine vorhandene Fußgänger Ampel Ihnen mit einem grünen Ampelmännchen signalisiert, dass Sie jetzt die Straße überqueren können. In Chengdu fordert Sie das Signallicht lediglich dazu auf, nun Ihren Versuch zu unternehmen. Oftmals beachten PKWs die Ampeln nicht. Stattdessen wird Ihnen durch mehrmaliges Hupen angezeigt, dass Sie noch ein klein wenig länger warten dürfen. Solange nämlich bis auch das letzte Fahrzeug vorübergefahren ist. Dieses Vorrecht der PKWs kann durchbrochen werden, wenn die Anzahl der Menschen, welche zu Fuß die Straße überqueren wollen, eine kritische Masse erreicht hat. Selbst der mutigste Fahrer verzichtet dann darauf, sein sonst typisches Vorrecht einzufordern.

Es bietet sich daher stets an, die Hauptstrassen dort zu überqueren, wo sie sich in der Menschenmenge Respekt verschaffen können. Wer sich erst einmal mit dem System angefreundet hat, kommt gut zurecht. Mir persönlich macht es immer wieder Spaß mich mit einer Cloud zu vermengen und tapfer die Herausforderung anzunehmen.

Wer sich lieber in Zurückhaltung übt oder grundsätzlich ein wenig Scheu ist, nimmt einfach eine der zahlreichen Unterführungen in Chengdu. Im Innenstadtbereich finden sich ausreichend Tunnel, die Ihnen einen gefahrlosen Weg bieten. Zudem können diese Unterführungen, die aufgrund ihres umfangreichen Systems einem Maulwurfbau in Nichts nachstehen, interessante Eindrücke vermitteln. Im Stadtkern sind einige dieser Maulwurfbauten sogar zweistöckig. Eine Welt für sich, die nicht nur durch eine gewisse Dunkelheit etwas aufregendes hat.

Es finden sich in ihr kleine Shops, Cafés und allerlei Dienstleistungen, wie zum Beispiel Maniküre oder Smartphone Reparatur Shops. In den letzten Jahren sind leider einige dieser Tunnelanlagen gleichwohl von der Verschlechterung der allgemeinen wirtschaftlichen Situation kalt erwischt worden. Sie verwaisen. Hier wird der Durchgang zu einem kleinen Abenteuer, ungefährlich aber spannend.

Zurück zur Oberfläche…

Wer nicht gut zu Fuß ist oder grundsätzlich Treppen und Rolltreppen meidet, muss beim Überqueren der Straße noch weitere Verkehrsteilnehmende im Auge behalten. In der natürlichen Ordnung der Straße folgt auf den PKW das Zweirad. Die Chinesen lieben ihre Motorroller. Die kleinen wendigen Flitzer wuseln sich mit Beharrlichkeit durch den Straßenverkehr. Aufgrund ihrer Verbreitung bieten einige Hauptverkehrsadern Zweiradwege an, welche u.a. durch eine physische Barriere von den großen Teilnehmenden getrennt sind.

Allerdings kommt es durchaus vor, dass mal der ein oder andere PKW auf diesen Weg ausweicht, so etwa, wenn ihre Fahrer etwas Dringendes erledigen wollen. Breit genug sind diese Spuren tatsächlich, um gleichzeitig den zahlreichen Zweirädern ausreichend Platz zu bieten. Auch Fussgänger machen ab und an davon Gebrauch. Folgen Sie einfach den imaginären Fußstapfen eines chinesischen Fußgängers. Ratsam ist dabei ab und an der Blick über die Schulter, um den rückwärtigen Verkehr im Auge zu behalten. Ungeachtet der Tatsache, dass die Hupe das liebste Spielzeug während einer ausgelassenen Fahrt mit dem Roller ist. Ach, was sage ich, ob Chinesen mit dem Roller oder mit dem Auto unterwegs sind, die Hupe wurde eindeutig dazu erfunden, um sie auch regelmäßig zu benutzen.

Wozu auch sonst?

Bitte beachten Sie, dass der überwiegende Teil der Motorroller in China mit einem Elektromotor ausgestattet sind. Verbrennungsmotoren sind verpönt und kommen für urbane Chinesen überhaupt nicht in Frage.

So umweltfreundlich diese Fahrzeuge sind, haben sie für unbedarfte Europäer den Nachteil, dass sie beinahe lautlos daherkommen. Lediglich das Abrollgeräusch der Reifen lässt sich vernehmen, wenn sie nur nahe genug an Ihnen vorbei rauschen. Es bedarf daher ein wenig Übung, die Ameisen des chinesischen Straßenverkehrs mit dem erforderlichen Respekt wahrzunehmen.

Wer keinen Roller sein Eigen nennt, nutzt in Chengdu gerne das Fahrrad. Hier hat sich der Trend des Mietfahrrads eindeutig durchgesetzt. Anbieter wie mobike, bluegogo oder Ofo warten mit Hunderttausenden von Fahrrädern auf.

Das Anmieten geht mit der Smartphone App fix oder wird direkt über die eigenen WeChat ID abgewickelt. Jedes dieser Fahrräder ist mit einem QR-Code versehen und lässt sich für 0.50 bis 3.00 Yuan (ca. 7 bis 40 Cent) pro Stunde ausleihen. Da diese Leihfahrräder beliebig im Stadtgebiet abgestellt werden können, sind sie eine ausgezeichnete und bequeme Alternative. Für Vielnutzer rechnen sich die angebotenen Monatsabos und machen den Service durch Rahmenpakete finanziell noch attraktiver.

Fassen wir noch einmal zusammen

In den Großstädten Chinas erinnert die Verkehrsordnung im Vergleich zu manchen Hauptstädten Südostasiens stärker an das gewohnte Straßenbild Europas. Wer Städte wie Chengdu zu Fuß erkundet, findet eine gewisse Unterstützung durch die zahlreichen Ampeln und Zebrastreifen. Wobei Sie keine Garantie zum vorbehaltlosen Überqueren bieten. PKWs machen sich durch häufiges Hupen bemerkbar und wünschen die Vorfahrt. Mischen Sie sich unter die Leute. Gemeinsam ist man stark und kann sich durchsetzen. Alternativ einfach einmal ein paar Stufen laufen und die Unterführung nutzen. Schließlich gibt es auch dort Etwas zu erkunden.

Spitzen Sie stets die Ohren und üben Sie den Schulterblick als Fussgänger. Die weit verbreiteten Roller in China sind aufgrund ihrer Elektroantriebe beinahe geräuschlos unterwegs. Ein Erkundungsspaziergang sichert Ihnen unvergessliche Eindrücke und führt Sie bedeutend näher an den Alltag in Chengdu heran als es ein jeder Bildband oder Marco Polo Reiseführer vermag.